Es soll der Tausch von Wellendichtringen und die dazu notwendige Vorrichtung gezeigt werden.
Diese ist im Grunde genommen für alle Wellendichtringe gleich,

 nur die Abmessungen sind unterschiedlich.
Die Idee zum Beitrag und die Bilder stammen von "Jörg >Jatze< Jaczkowski" und ursprünglich sollte es eigentlich nur eine Masskizze für die Vorrichtung werden.

Das Wesentliche:

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Die Mehrzahl aller Wellendichtringe ("Simmerring") sitzt fest in einer Gehäusebohrung und dichtet eine sich drehende Welle gegen ein stehendes Gehäuse ab. Als Beispiel sei die Kurbelwelle genannt bei der sich auf der einen Seite der Wellendichtung das Innere des Kurbelgehäuses mit Ölnebel und „herumspritzenden“ Öl, auf der anderen der Antrieb der Lichtmaschine befindet.
Die Wellendichtung wird durch eine scharfkantige Dichtlippe (irgendein Elastomer; tut nix zur Sache) realisiert, die meist durch eine, zu einem Ring zusammengesetzte Spiralfeder (Anfang und Ende einer „Kugelschreiberfeder“ sind verbunden) axial um die Welle gepresst wird.
Also treten bei der Montage zwei Problemchen auf: Der Innendurchmesser ist im Anlieferzustand etwas kleiner als der Wellendurchmesser (sonst wäre ja keine Spannung da) und der Aussendurchmesser ist so (viel zu) gross, dass er stramm in seiner Bohrung sitzt.
Das Blöde ist, dass das Teil scheinbar „rückwärts“ eingebaut werden muss und, wenn man dabei die Dichtlippe spreizt die Gefahr arg gross ist diese gleich zu zerstören.
Es reibt also eine scharfe Kunststoffkante auf einer sich drehenden Welle. Einfach zu verstehen sollte sein, dass dieses „Dichtkäntchen“ ziemlich heiss werden und dann dahinsiechen könnte falls es nicht ausreichend geschmiert/gekühlt wird.

Am Beispiel Kurbelwellendichtring der R1150xx

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Das Werkzeug besteht aus mehreren Teilen:
1. Der eigentliche Aufziehdorn, hat außen den Kurbelwellendurchmesser D1 = 65mm.
Die Länge spielt eine Nebenrolle, aber man soll ihn vernünftig anfassen können; L1 = 100mm ist schon gut.

Vorne braucht er eine Bohrung d2 = 20,1 mm, ca. L2 = 20mm tief. Mit dieser Bohrung wird die Vorrichtung später auf dem Kurbelwellenzapfen zentriert.
2. Die "Schlupfhilfe". Da der Wellendichtring bei der Lieferung vorgespannt ist, und die Lippe „umgebogen“ werden muss, geht es wahrscheinlich gar nicht ohne diese Schlupfhilfe. Meine hat im Grundmaß auch D2 = 65mm, vorne ist eine Fase 20°x 10mm dran und hinten ein Zapfen mit Durchmesser D3 = 20mm und Länge L3 = 10mm.
Eine Fase von 10x10mm (also 45°) hat sich als zu steil erwiesen. Wer sich so was anfertigt, der sollte das Ding vorne etwas länger machen und einen flacheren Winkel wählen, dann geht das Aufschieben einfacher.
3. Der Einpressring (nicht auf den Fotos). Man braucht ihn nicht unbedingt, aber wenn man schon mal an der Drehmaschine steht kann man sich das vorsichtige „Dengeln im Kreis“ erleichtern. Er gleitet auf dem Aufziehdorn und hilft die Wellendichtringe rundum gleichmässig einzupressen.

Die Bezeichnung der Wellendichtringe

65x83x7 ; EtNr: 11 11 1 341 135; ; 65x85x7 ; EtNr: 11 11 1 341 087

Wie baut man Wellendichtringe aus?
Ganz einfach, weil sie ohnehin nach dem Ausbau immer durch neue ersetzt werden. Also dreht man einfach 2 Spaxschrauben 180° versetzt hinein, greift dann mit 2 Zangen gleichzeitig an diesen Schrauben an und zerrt den Ring heraus. Wie tief man die Schrauben eindrehen kann ohne etwas „dahinter Liegendes“ zu beschädigen sieht man an den neuen Ringen.

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Wie baut man Wellendichtringe ein
Schlupfhilfe und Aufsteckdorn zusammenstecken, Wellendichtring vorsichtig aufschieben.

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Das Ganze geschieht mit reichlich Öl oder Fett um die Dichtlippe nicht zu beschädigen. Nicht weiter aufschieben als notwendig.






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Schlupfhilfe abnehmen, Dorn auf die betreffende Welle aufsetzen und den Wellendichtring im „Rückwärtsgang“ abstreifen. Er lässt sich anfänglich mühevoll mit den Fingern „immer im Kreis herum“

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eindrücken und wenn der Ring „angeschnäbelt“ hat, vorsichtig mit einem Kunststoffhammer eintreiben. Hat man einen tiefliegenden Ring, dann braucht man natürlich einen relativ weichen Dorn mit möglichst grosser Fläche um weder Ring noch Welle zu beschädigen.



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Besser geht es mit einem passenden Einpressring.









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Das Bild links zeigt das Risiko wenn die Vorrichtung schief angesetzt, zu klein, oder schlecht zentriert ist. Die Dichtlippe kann durch eine Kante beschädigt werden.

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Auch das Werkzeug bei dem man nur „hinten draufschlagen“ muss um den Wellendichtring passend einzusetzen birgt diese Gefahr. Leicht verkantet und schon hat der Ring einen „Treffer“. Ist er sofort defekt, so betrachte ich das als Vorteil. Schlimmer ist, wenn er nach nur wenigen tausend Km sein Leben aushaucht.



G_1150_02
G_1150_02
G_1150_03t
G_1150_03t

Das Bild links zeigt den Motor mit bereits demontierter Kupplung und ohne Schwungscheibe. Gut zu erkennen ist der Kurbelwellenflansch.

Auf dem rechten Bild sieht man das abgeschraubte Getriebe mitsamt komplettem Kardan und Hinterachsgetriebe.


Schwingmet01
Schwingmet01

Ebenfalls gut erkennbar sind die Schwingmetalle in der unvorteilhaften Ausführung „A“.
Alle die diese Einheit schon einmal ausbauten fluchten über die Gewindezapfen und wünschen sich die Bauform „B“.







Links der Kurbelwellenstumpf in Grossaufnahme. Die alten Wellendichtringe sind bereits ausgebaut.
In der Mitte der Wellenstumpf mit montiertem inneren, rechts mit (zu tief) montiertem äusserem Wellendichtring.

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Die Erfahrung von Jatze (Versuch macht kluch)
Ich hatte wegen des Überdrucks in meinem Kurbelgehäuse nach dem Abstellen in einem Forum nachgefragt. Nun, die Lösung habe ich selbst gefunden. Der äußere Wellendichtring darf keinesfalls bis zum Anschlag, sondern nur bündig mit der Kurbelgehäusekante eingetrieben werden! Das ist im Reparaturhandbuch leicht zu übersehen!
Die Gehäuseentlüftung geht durch die Kurbelwelle (!) und endet in der Kammer zwischen den beiden Wellendichtringen. Wenn man den äußeren Ring bis zum Anschlag eintreibt, verschließt man damit die Öffnung, an der oben der Entlüftungsschlauch angeschlossen ist. (Anmerkung gerd_: Würde durch diese Kammer kein Ölnebel gepresst, wäre der äussere Wellendichtring ungeschmiert und würde sich sehr schnell auflösen.)
Also habe alles noch mal zerlegt („nur wenige“ Stunden Aufwand..:-( )  und habe beim Entfernen des äußeren Rings „natürlich“ den inneren beschädigt, so dass ich beide noch mal wechseln durfte.

Die Erfahrung von Ralf (auch hier macht Versuch kluch :-))
Beim Aufschieben des inneren Ringes sollte man unbedingt darauf achten, den Ring an der hinteren Kante der Kurbelwellenentlüftung nicht zu beschädigen.
Durch seine Spannung zieht er sich nach innen in die Öffnung.
Ich habe ihn von Hand vorsichtig bis zur Kante geschoben und dann die Dichtlippe durch die Kurbelwellenentlüftung mit einem kleinen stumpfen Schraubendreher angehoben und vorsichtig über die Kante geschoben. Bei BMW, so im Werkstatthandbuch, wird vorher eine Hülse über die Kurbelwelle geschoben.
Anmerkung gerd_: Wenn man alles schön gesäubert und "trocken" gewischt hat, kann man auch zuerst 2...3...4 Lagen Küchenfolie (das selbsthaftende dünne Zeug)  um den Stumpf wickeln und dann einölen. Es ist so dünn dass es nicht stört. Nicht jeder hat einen stumpfen Schraubendreher (oder das passende Gefühl. Die Methode klappt auch dort wo man nicht "von innen durchlangen" kann.

Für die 1100er ein Hinweis von Oeli
Die 1100er haben wohl eine andere Ausprägung Kurbelwellenendes. Die Bohrung im Aufziehwerkzeug muss hier, gemäss seiner Mittelung nicht d=20, sondern d=25 sein. Der Zapfen am Gegenstück dann natürlich auch dementsprechend angepasst.

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